Jüdischer Kulturweg

Jüdisches Leben im Zentrum von Massenbach

Stadt Schwaigern

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Hannah-Lea Wasserfuhr

Jüdisches Leben im Zentrum von Massenbach

Das jüdische Leben Massenbachs spielte sich einst in der Dorfmitte ab. In der Raiffeisenstraße 26 stand seit 1796 die Synagoge; sie wurde 1954 abgebrochen. Die Wohn- und Geschäftshäuser jüdischer Bewohner befanden sich zwischen dieser und der evangelischen Kirche. In der Kirchhäuser Straße 1 betrieb die Familie von Leopold Wiener gemeinsam mit ihrer Tochter Fanny ein kleines Lebensmittelgeschäft mit Poststelle. Fanny, die für die Poststelle zuständig war, verließ nach ihrer Hochzeit mit dem evangelischen Lehrer Hermann Alt den Ort. In der Großgartacher Straße 1 lebte der Vorsänger, Lehrer und Schächter der Gemeinde Max Meyer mit seiner Frau Rosa, die dort ein Lebensmittelgeschäft betrieb. Im Felsenweg 1 war die Gaststätte mit Metzgerei der Familie Abraham, welche zuletzt von der verwitweten Jenny Abraham zusammen mit ihrem Sohn Sigmund geführt wurde. Ein weiteres Geschäft war der Textilhandel von David Behr im Felsenweg 3.

Innenaufnahme der Synagoge mit Aron haKodesch (Toraschrein) und Bima (Lesepult), um 1930. Aus: Jüdische Gotteshäuser und Friedhöfe in Württemberg. Stuttgart 1932, S. 99.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die jüdische Gemeinde durch Ab- und Auswanderung stark verkleinert, sodass 1933 nur noch 15 jüdische Einwohner im Ort gezählt wurden. Die meisten bestritten ihren Lebensunterhalt durch Kleingewerbe und Kleinviehhandel mit Ziegen oder Kälbern. Einige beteiligten sich aktiv am Vereinsleben: Hermann Behr (1847–1937), Veteran des Deutsch-Französischen-Krieges, war Mitbegründer des lokalen Kriegervereins, bis 1933 Zugführer bei der Freiwilligen Feuerwehr sowie Mitbegründer des TSV Massenbach. Auch sein Sohn Albert war im Sportverein aktiv und vertrat im Sommer 1933 vor seiner Flucht in die Vereinigten Staaten den TSV beim Deutschen Turnfest in Stuttgart, eine der ersten nationalsozialistischen Sportveranstaltungen.

Die Delegation des TSV Massenbach für das Deutsche Turnfest 1933 in Stuttgart mit Albert Behr (siebter von links). Aus: Angerbauer Wolfram / Frank Hans Georg, Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn (= Schriftenreihe des Landkreises Heilbronn 1). Heilbronn 1986, S. 153.

Die Delegation des TSV Massenbach für das Deutsche Turnfest 1933 in Stuttgart mit Albert Behr (siebter von links). Aus: Angerbauer Wolfram / Frank Hans Georg, Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn (= Schriftenreihe des Landkreises Heilbronn 1). Heilbronn 1986, S. 153.

Infolge des wirtschaftlichen Boykotts und der zunehmenden Repressalien verließen die meisten jüdischen Bewohner das Dorf. Zu den letzten hier Lebenden gehörten Jenny Abraham, ihr Sohn Sigmund und die zuletzt im selben Haus („Judenheim“) wohnende Regine Abraham; alle drei wurden 1941/42 deportiert.

Weiterführender Text

Das 19. und 20. Jahrhundert

Im Jahr 1808 lebten 12 jüdische Familien mit insgesamt 50 Personen in Massenbach. Fünf Häuser waren in jüdischem Besitz, die übrigen Jüdinnen und Juden wohnten gegen Miete bei verschiedenen Bürgern. Ihren größten Umfang verzeichnete die jüdische Gemeinde 1843 mit 85 Mitgliedern.
Anlässlich der Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse der israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg im Jahr 1832 wurden die Massenbacher und Bonfelder jüdischen Gemeinden zunächst Filialen von Massenbachhausen. In den 1860er-Jahren wurde der Sitz der Religionsgemeinde von Massenbachhausen nach Massenbach verlegt. Durch die Ab- und Auswanderungswellen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die jüdische Gemeinde verkleinert, sodass im 20. Jahrhundert nicht mehr viele jüdische Familien im Ort ansässig waren. Lebten 1900 36 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner in der Gemeinde, waren es 1910 18 und 1933 nur noch 15.

Ein Artikel in „Der Schild" würdigte den Kriegsveteranen Hermann Behr anlässlich seines 84. Geburtstags. Aus: Der Schild – Zeitung des Reichsbunds Jüdischer Frontsoldaten, 14. Jg., Nr. 2 vom 11. Januar 1935. Universitätsbibliothek Frankfurt am Main/Compact Memory.

Wirtschaftliche Betätigung

Anlässlich der Annahme erblicher Familiennamen im Jahr 1828 wurde eine Liste mit den Namen der in Massenbach lebenden Juden angelegt. Diese gibt einen Überblick, welche Gewerbe und Berufe die Massenbacher Jüdinnen und Juden damals ausübten: Die meisten bestritten demzufolge ihren Lebensunterhalt als Kleinhändler, Handelsleute oder mit religiös motivierten Betätigungen, wie etwa als Vorsänger und Schächter. Auch ein Jahrhundert später hatte sich das Bild nur unwesentlich verändert: Die wenigen am Ort verbliebenen jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner betrieben Lebensmittelgeschäfte – eines umfasste auch die Poststelle, einen Textilhandel sowie eine Gaststätte mit Metzgerei. Letztere wurde von Jenny Abraham geführt, die bekannt war für ihren Rostbraten und den Spruch „Ich war das schönste Mädchen von ganz Aufhausen!“. Hinzu kam der Vorsänger, Lehrer und Schächter der Gemeinde – ein Amt, das über lange Jahre in einer Hand lag.

Dorfzentrum mit dem gut sichtbaren Laden von Leopold Wiener in der Kirchhäuser Str. 1. Aus: Heimatbuch der Stadt Schwaigern mit den Teilorten Massenbach, Stetten a. H. und Niederhofen. Hg.: Stadtverwaltung Schwaigern, Schwaigern 1994, S. 258.

Ehemaliges Wohn- und Geschäftshaus des Lehrers und Vorsängers Max Meyer und seiner Ehefrau Rosa in Massenbach, Großgartacher Straße 1, die es als Lebensmittelgeschäft führte, 2022. Foto: Margrit Elser-Haft.
In der Kirchhäuser Straße 1 in Massenbach betrieb die Familie von Leopold Wiener gemeinsam mit ihrer Tochter Fanny ein kleines Lebensmittelgeschäft mit Poststelle, 2022. Foto: Margrit Elser-Haft.
Grabstein des Leopold Wiener, geb. am 27. August 1852, gest. am 5. Mai 1889 (jüdischer Friedhof Schluchtern). Foto: Petra Schön.
Grabstein des Hermann Abraham, geb. 1856, gest. am 30. Mai 1908 (jüdischer Friedhof Schluchtern). Foto: Petra Schön.
Grabstein des Robert Mannheimer, geb. am 6. Juli 1853, gest. am 15. November 1912 (jüdischer Friedhof Schluchtern). Foto: Petra Schön.

Die Brüder Bernhardt und Hermann Herz Behr

Eine interessante Begebenheit ist die Geschichte der Brüder Bernhardt (geb. 1805) und Hermann Herz Behr (geb. 1808), Söhne des Moses Behr und Neffen des Herz Behr aus Massenbach. Hermann Behr schrieb sich am 23. Oktober 1827 mit dem Nachnamen Massenbach an der Universität Heidelberg zum Medizinstudium ein. Im folgenden Jahr verschlug es ihn nach Breslau und danach nach Ungarn, wo sein Bruder Bernhardt Behr als Kaufmann tätig war. In Ungarn fiel Hermann als Hochstapler auf, der sich als Mitglied der Familie Massenbach „mit Brief und Siegel“ ausgab, wie aus der Korrespondenz der Johanna Baronin Vay de Vaja (geb. von Adelsheim) mit ihrer Schwester hervorgeht. Aus den Akten wird ersichtlich, dass Hermanns Universitätsunterlagen und sein Pass auf den Namen „Massenbach“ ausgestellt waren und dass er sich in „der eigentümlichen Art eines Studenten […] ausdrückt. Auf ihre Weise renommiert [und] affektiert [sei] und leicht droht, sich zu schlagen/duellieren.“

Unter der Nummer 200 schrieb sich Hermann Behr 1827 für ein Studium der „Medicin“ in Heidelberg ein. Seine Religion ist mit „mosaisch“ angegeben. Der Namenszusatz „Massenbach“ wurde nachträglich gestrichen. Universitätsarchiv Heidelberg UAH M9 Matrikel 1825‒1840.

Literatur und Quellen

Ungedruckte Quellen
Gesangverein „Eintracht“ Massenbach
Universitätsarchiv Heidelberg UAH M 9 Matrikel  1825–1840
Universitätsbibliothek Frankfurt am Main/Compact Memory; Link öffnen

Literatur
ANGERBAUER Wolfram / FRANK Hans Georg, Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn (= Schriftenreihe des Landkreises Heilbronn 1). Heilbronn 1986, S. 146–160.
Artikel zu Massenbach auf der Internetseite der Alemannia Judaica; Link öffnen [Abruf am 15.10.2020].
HAHN Joachim, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg. Stuttgart 1988, S. 249.
HAHN Joachim / KRÜGER Jürgen, Synagogen in Baden-Württemberg. Teilband 2, Orte und Einrichtungen von Joachim Hahn. Hrsg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe, und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007, S. 430‒431.
POGUNTKE Peter, Deutsches Turnfest 1933. Publiziert am 07.08.2020, Stadtarchiv Stuttgart; Link öffnen [abgerufen am 07.02.2022].
Stadtverwaltung Schwaigern (Hg.), Heimatbuch der Stadt Schwaigern. Heimatbuch der Stadt Schwaigern mit den Teilorten Massenbach, Stetten a. H. und Niederhofen. Schwaigern 1994, S. 249–253.