Jüdischer Kulturweg

Die Alte Synagoge Eppingen

Stadt Eppingen

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Reinhard Ihle

Die Alte Synagoge

Markanter Mittelpunkt in der Küfergasse ist zweifellos das Gebäude Nr. 2, das 1773 auf älterem massivem Kellergeschoss aus Schilfsandstein in einfacher, barocker Fachwerkbauweise errichtet wurde. Es diente gläubigen Juden als Synagoge, zur Einkehr, zu Diskussionen, zu Hochzeitsfeiern und zu rituellen Waschungen.

Die 1773 erbaute Alte Synagoge Eppingen, Küfergasse 2.
Foto: Eva Maria Kraiss.

Die Mesusa

Kostbare Überbleibsel aus der jüdischen Geschichte dieses Hauses sind der eindrucksvolle Hauseingang mit dem noch sichtbaren „Mesusaschlitz“ am rechten Türpfosten, in Augenhöhe schräg nach innen verlaufend. Eine Kapsel mit eingelegtem Pergamentstreifen, auf dem das wichtigste Gebet (5. Mose 6, 4-9) geschrieben ist, wird als Mesusa hier befestigt und soll alle Eintretenden heiligen.

Die 1773 erbaute Alte Synagoge Eppingen, Küfergasse 2. Fotos: Eva Maria Kraiss.

Der Hochzeitsstein

Eine besondere Bedeutung kommt dem Hause angebrachten Knaß- oder Hochzeitsstein zu. Nach dem Trauungszeremoniell tranken die Brautleute aus einem Glas als Zeichen ihrer ehelichen Vereinigung und warfen es anschließend an den Stein, was an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem erinnern sollte. Die hebräischen Schriftzeichen bedeuteten in der oberen Reihe: „Viel Glück“ und darunter „Die Stimme der Freude und die Stimme des Jubels, die Stimme des Bräutigams und die Stimme der Braut“. Ein achtstrahliger Glücksstern und tulpenartige Blumen als Fruchtbarkeitssymbole komplettieren dieses kostbare Relikt.

Der prächtige Hochzeitsstein zählt zu den größten und am besten erhaltenen in Südwestdeutschland. Foto: Petra Binder, Stadtarchiv Eppingen.

Die Mikwe

Einzigartig ist das im Kellergeschoss eingerichtete jüdische rituelle Bad, eine Mikwe, die in das 16. Jahrhundert datiert wird. Eine sieben- und dann achtstufige Treppe führt zum etwa 4 Meter unter dem Eingangsniveau liegenden offenen Grundwasser, das eine konstante Temperatur von etwa 8° Celsius hat. Die Badestelle musste so beschaffen sein, dass ein Erwachsener vollständig untertauchen konnte, das Wasser „im Fluss“ und der Boden natürlich waren. Eine runde Öffnung durch alle Geschossdecken einschließlich des Ziegeldaches sollte dazu führen, dass das Wasser und das Licht des Tages und der Nacht eins werden. Grundsätzlich war das Bad in der Mikwe kein Reinigungsbad, sondern ein Reinheitsbad. Für gläubige Jüdinnen und Juden gibt es eine Vielzahl alttestamentlicher Vorschriften zur rituellen Reinigung.

Eingang zu der sich im Kellergeschoss befindlichen Mikwe. Foto: Eva Maria Kraiss.

Weiterführender Text

Petra Binder

Die jüdische Gemeinde

Juden sind in Eppingen seit dem 14. Jahrhundert bezeugt, doch erst nach dem Dreißigjährigen Krieg in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begann sich eine dauerhaft ansässige, größer werdende jüdische Gemeinde zu etablieren. Juden zahlten neben dem Schutzgeld an die Kurpfalz ein jährliches Wasser- und Weidegeld an die Stadtkasse.
Im 18. Jahrhundert gab es etwa zehn Familien. Die meisten besaßen eigene Häuser in der Stadt. Um 1840 machte die jüdische Gemeinde mit 220 Personen etwa zehn Prozent der Eppinger Bevölkerung aus. Bis in die 1920er Jahre schrumpfte die Gemeinde wieder, da vor allem die Jüngeren wegen der besseren Berufsaussichten in die größeren Städte abwanderten. Wegen der Repressalien der Nationalsozialisten verkleinerte sich die Gemeinde weiter. Viele jüdische Eppinger und Eppingerinnen wanderten aus oder zogen in größere Städte. 1940 wurden die letzten beiden hier lebenden Ehepaare, Sternweiler und Siegel, wie fast alle in Baden lebenden Juden nach Gurs deportiert.

Schule und Synagoge

1749 wurde die „Judenschule“ erstmals erwähnt, die sich im Haus des Löw Mayer befand (heute Metzgergasse 1). Nachdem die christlichen und jüdischen Nachbarn dem Bauvorhaben zur Errichtung einer Synagoge zugestimmt hatten, wurde von der Stadt im März 1773 die Baugenehmigung für einen Neubau in der Küfergasse über der älteren Mikwe im Kellergeschoss erteilt.

Die Ansichtskarte, gestempelt 1898, zeigt drei Gebäude jüdischer Einrichtungen in Eppingen, darunter auch die Alte Synagoge. Sammlung Wygoda.

In die Außenfassade eingelassen ist der große, farbig gefasste Hochzeitsstein. Am Ende der Zeremonie ruft die Hochzeitsgesellschaft „Masel tov“, was übertragen „viel Glück“ oder auch „guter Stern“ bedeutet. Hochzeitssteine zeigen üblicherweise daher einen Stern, häufig im Zentrum die Buchstaben MT für Masel Tov („מט" für "מזל טוב“), die weitere Inschrift stammt aus Jeremias 7,34: Stimme des Jubels, Stimme der Freude, Stimme des Bräutigams, Stimme der Braut. Nach Fertigstellung der „Neuen Synagoge“ an der Kaiserstraße 1872/73 verkaufte die jüdische Gemeinde die „Alte Synagoge“ 1885 an die Familie Seligmann Ettlinger, zehn Jahre später wurde sie von der Familie Baumann erworben.

„Un ebbes Bsunders“

Der Umsicht des damaligen Hausbesitzers Heinrich Renz ist es zu verdanken, dass der wertvolle Hochzeitsstein das „Dritte Reich“ unbeschadet überstand. Er ließ vor diesen einen stabilen Kellerladen anbringen. Als dieser den Eppinger Nationalsozialisten verdächtig erschien und geöffnet werden sollte, widersetzte sich Renz dieser Aufforderung. Er beharrte fest darauf, dass es sich nicht um einen Bretterverschlag, sondern um einen Kellerladen handele, hinter dem ein Kellerfenster in der Wand sei. Im Sommer weigerte er sich, den Laden zu öffnen mit der Begründung, dann werde im Keller sein Most zu warm. Im Winter tat er es dann erst recht nicht, weil sonst die eingelagerten Kartoffeln erfrören und sein Most zu kalt werde.

Literatur

ANGERBAUER Wolfram / FRANK Hans Georg, Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn (= Schriftenreihe des Landkreises Heilbronn 1). Heilbronn 1986, S.59–67.
Artikel zur Synagoge Eppingen auf der Internetseite der Alemannia Judaica; Link öffnen [Abruf am 17.09.2022].
HAHN Joachim / KRÜGER Jürgen, Synagogen in Baden-Württemberg. Teilband 2, Orte und Einrichtungen von Joachim Hahn. Hrsg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe, und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007, S. 109–111.
KIEHNLE Edmund, Die Judenschaft in Eppingen und ihre Kultbauten. In: Eppingen - Rund um den Ottilienberg. Beiträge zur Geschichte der Stadt Eppingen und Umgebung Bd. 3, Eppingen 1985, S. 146–170.
KÜNZL Hannelore, Mikwen in Deutschland. In: HEUBERGER Georg (Hg.), Mikwe. Geschichte und Architektur jüdischer Ritualbäder in Deutschland; Ausstellungskatalog Jüdisches Museum Frankfurt 1992, S.46ff.
TWIEHAUS Christiane, Synagogen im Großherzogtum Baden (1806 – 1918). Eine Untersuchung zu ihrer Rezeption in den öffentlichen Medien. Heidelberg 2012, S. 33–35.