Das Landwirtschaftliche Lehrgut LehrensteinsfeldJüdischer Kulturweg

Das Landwirtschaftliche Lehrgut Lehrensteinsfeld

Gemeinde Lehrensteinsfeld

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Petra Schön / Hannah-Lea Wasserfuhr

Schule, Wohnzimmer und Ausbildungsstätte

Das Fachwerkhaus in der Lehrener Straße 35 beherbergte bis 1860 die jüdische Schule und das Wohnzimmer des israelitischen Lehrers. Das der jüdischen Familie Thalheimer gehörende Gebäude erlangte eine besondere Bedeutung, als 1934 darin eine Ausbildungsstätte eingerichtet wurde. Die Einrichtung verkörpert zum einen die aus der Not geborene Umorientierung, da immer deutlicher wurde, dass junge Menschen ihre Zukunft nicht mehr in Deutschland sehen konnten und daher versuchten, frühzeitig das Land zu verlassen. Zum anderen verkörpert die Hachschara (hebräisch für Vorbereitung) den zionistischen Pioniergeist. Die jungen Erwachsenen bereiteten sich gezielt darauf vor, in Palästina einen jüdischen Staat aufzubauen. Hierfür wurden Einrichtungen benötigt, wie zum Beispiel landwirtschaftliche Lehrgüter, die auch „Umschichtungsheime“ genannt wurden.

Das aufwendig sanierte Gebäude des jüdischen Lehrguts in einer Aufnahme aus dem Jahr 2013. Foto: Karl-Heinz Scholl.

Der „Kibbuz“

In der „Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“ vom 15. November 1935 wurde das Lehrgut in Lehrensteinsfeld auch als „Kibbuz“ (hebräisch für Sammlung) bezeichnet. Kibbuzim sind basisdemokratisch organisierte Kollektivsiedlungen in Palästina und im heutigen Israel. Für den Aufbau einer solchen Siedlung wurden junge jüdische Menschen in der Hachschara in Lehrensteinsfeld vorbereitet.

Blick in die Lehrener Straße in den 1960er-Jahren. Auf diesem Foto ist noch das zum Grundstück des Lehrguts gehörende Gartenhäuschen zu erkennen. Förderverein Dorfkultur Lehrensteinsfeld, Fotosammlung.

Auswanderungsvorbereitungen

Das landwirtschaftliche Lehrgut in Lehrensteinsfeld wurde vom Hechaluz (hebräisch für „Der Pionier“), dem Dachverband zionistischer Jugendorganisationen, geführt und war von Juni 1934 bis September 1938 belegt. Mit der zunehmenden Diskriminierung in Deutschland und dem dadurch bedingten Druck zu beruflicher Neuorientierung erwarben hier Jüdinnen und Juden handwerkliche, gärtnerische, land- und hauswirtschaftliche Fertigkeiten. Insgesamt lebten etwa 90 aus dem gesamten Reichsgebiet stammende Personen meist für einige Monate im Lehrensteinsfelder Lehrgut. Junge Frauen machten etwa ein Viertel aus. Viele waren bereits in ihren Zwanzigern, einige wie beispielsweise Alfred Boas bereits über dreißig. Die meisten dürften somit bereits zuvor in einem anderen Beruf tätig gewesen sein.
Zu den wenigen noch jüngeren Auswanderungswilligen gehörte der 1920 in Erbendorf geborene Horst Hauschild, der mit 18 Jahren auf das Lehrgut kam. Nach seiner Flucht nach Palästina nannte er sich Menachem Magen. Man weiß, dass Ende Februar 1936 in dem „jüdischen Heim“ zehn junge Leute lebten. Die sechs Männer waren bei örtlichen Landwirten, bei einem Gärtner im benachbarten Ellhofen und in einer Reparaturwerkstätte in Heilbronn beschäftigt, die vier Frauen „besorg[t]en […] das Hauswesen“. Derartige Beschäftigungen von Juden wurden geduldet, da man davon ausging, dass diese nach dem Abschluss ihrer „Umschichtung“ bzw. ihrer Ausbildung auswandern würden. Tatsächlich scheint es auch vielen gelungen zu sein, sich eine neue Existenz im Ausland, vornehmlich in Palästina, aufzubauen.

Geometrischer Handriss mit dem Wohnhaus des Isak Thalheimer, 1910; hier befand sich ab 1934 das landwirtschaftliche Lehrgut. Messurkundenband Lehrensteinsfeld 1910, S. 328, Vermessungsamt Heilbronn.

Die Auswanderungswilligen wurden auch von der jüdischen Nothilfe in Stuttgart unterstützt. Auch das Hachschara-Zentrum in der Frankfurter Straße in Heilbronn dürfte für sie eine Rolle gespielt haben, in dessen Auftrag der Heilbronner Rabbiner Dr. Harry Heimann 1937/38 Reisen nach Palästina und New York unternahm. Vermutlich nahmen auch die Lehrensteinsfelder Lehrlinge bzw. „Umschichtler“ an seinen Vorträgen im Heilbronner Adler-Keller teil, um sich über seine Reiseeindrücke zu informieren. Dort fanden auch Kurse in Hebräisch und Englisch für die Auswanderungswilligen statt.

Avraham (Albert) Olonetzky (Stuttgart 1913–Jerusalem 1979) war einer der „Umschichtler“ in Lehrensteinsfeld. Er lebte hier ab März 1935, ehe er im September 1936 von Stuttgart über Triest nach Palästina auswanderte. Foto: Privatbesitz.

Schavei Zion

Wahrscheinlich unterrichtete auch Wolf (später Seev) Berlinger während seines Aufenthalts im Lehrgut Hebräisch. Seine aus Lehrensteinsfeld stammende Ehefrau Margarethe (später Margalit) Berlinger (geborene Hirschheimer) schloss sich mit ihrem Mann der aus Rexingen stammenden Siedlergruppe in Schavei Zion an. Dort wurden die beiden die ersten Lehrer.
Der erste Bürgermeister der Stadt war Dr. Manfred Scheuer (1893–1983), der zuvor in Heilbronn eine gemeinsame Kanzlei mit Dr. Siegfried Gumbel hatte und Leiter des zionistischen Verbandes Heilbronns war. Laut Theodor Heuss, der Schavei Zion 1961 besuchte, machte der Ort einen „typischen schwäbischen Eindruck“.

Das Ehepaar Margalit und Seev Berlinger, die späteren Lehrer in Schavei Zion, auf dem Schiff nach Palästina im Februar 1938 (vorne rechts). Gemeindearchiv Schavei Zion.